Liebe Leserin, lieber Leser,

in diesen Tagen stieß ich durch Zufall auf eine Kolumne, in der sich der Autor Gedanken darüber machte, ob Karl May in seinen Geschichten von Winnetou und Old Shatterhand nicht auch einen Hauch von Homosexualität hat einfließen lassen. Wo-rüber sich Menschen so Gedanken machen. Aber das Bild aus Kindertagen war wieder da: diese beiden ungleichen Männer, verkörpert von Pierre Brice und Lex Barker, die sich die Hände reichen und sich mit den Worten „Mein Bruder“ begrüßen.

Der Wochenspruch für die kommende Woche heißt: „Dieses Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, auch seinen Bruder liebe“ (1.Joh 4,21). Wie der Autor der Kolumne wohl darüber denkt? Die Frage ist doch gerechtfertigt.

Wenn wir von Schwestern und Brüdern reden, die nicht mit uns verwandt sind, müssen wir uns doch in heutiger Zeit sofort Gedanken machen, ob wir nicht in Verruf kommen. Es könnte ja sein, dass bei dieser Aussage jemand Schlimmes von uns denkt.

Andere Bilder fallen mir ein: Barack Obama, wie er Angela Merkel umarmt, Leonid Breschnew und Erich Honecker beim Bruderkuss. Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass auch wir in unseren Mitmenschen den Bruder oder die Schwester entdecken, sie gern haben und ihnen Gutes tun?

In vielfältiger Weise geschieht das jeden Tag. Krankenschwestern und Altenpfleger, die nicht exakt auf die Dienstuhr schauen, Ehrenamtliche, die sich im Besuchsdienst oder in der Tafelarbeit engagieren, Menschen, die in Flüchtlings- und Obdachlosenhilfe aktiv sind. Sie alle leben dieses Gebot Gottes aus. Warum nicht auch wir? Und wenn es nur mit einer Geste ist: Der alten Dame über die Straße helfen, das gefallene Kind aufrichten und dem Nachbarn ein gutes Wort zurufen. Denn alle Menschen sind Brüder und Schwestern, weil sie sich diesen Planeten teilen. Ich wünsche Ihnen Gottes Liebe, die die Weisheit gibt, das zu erkennen.

Pfarrer Dirk Kroker