Palmsonntag:

Der Friede unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen. Amen

Rufus, Rufus von Kyrene, 1. Legion 3. Kohorte, Rang Unterscharführer, Einsatzgebiet Palästina, oberster Befehlshaber Pontius Pilatus. Ich bin abkommandiert, um zu berichten. Der Kaiser und die Senatoren und wohl auch ihr wollt wissen, was in jener Woche geschah. Wir schreiben den Iden des Aprilis im Jahr 783 ab urbe condita, nach der Gründung der Stadt Rom oder wie ihr sagen würdet, im Jahr 30 nach Christi Geburt.

Mein Auftrag war, als Führer einer Schar Legionäre sowohl offen als auch verdeckt diese aufrührerischen Juden im Griff zu behalten. Das bedeutete Sondereinsatz und noch ein Sondereinsatz und noch einer. Mal einen Abend frei haben, gemeinsam trinken und spielen, war ein Fremdwort für uns. Meist waren wir tagsüber in Uniform im  Wachdienst eingeteilt und abends als Spitzel wo auch immer wir gebraucht wurden. Meine Männer waren wohl trainiert und so gelang es uns, manchen Aufruhr im Keim zu ersticken. Doch diesmal war alles anders.

Pontius Pilatus rief mich zu sich. An seiner Seite Kaiphas der Hohenpriester des Tempels. Wenn die zwei zusammen steckten, dann kam nie was gutes bei raus. Ich ahnte schon, was mir und meiner Truppe blühte, denn ich wusste, das Pessachfest war im Anmarsch. Und die Gerüchte über diesen neuen Prediger hatten auch meine Männer schon erreicht. Also gab mir mein oberster Befehlshaber einen klaren und eindeutigen Befehl: Dieser Jesus und seine Leute sind die ganze Woche nicht aus den Augen zu lassen. Sollte es Kaiphas gelingen, einen Verräter unter seinen  Anhängern auszumachen, dann sollte dieser Jesus festgenommen und möglichst still und heimlich hingerichtet werden.

Ich ahnte wohl schon, dass es so nicht werden würde. Am nächsten Morgen trommelte ich meine Männer zusammen und machte sie mit dem Gedanken vertraut, dass uns in den nächsten Tagen eine ganze Reihe harter Dienste erwarten würde. Wenig Schlaf, viel Versteck spielen und am Ende hoffentlich Festnahme und Hinrichtung. Wenn alles klappt sollten wir zur Belohnung nach Rom dürfen, zum Urlaub.

Meine Männer wussten schon, dass Jesus bereits dicht vor Jerusalem stand. Mit weiser Voraussicht hatten sie seine Absichten schon ausgespäht. Was wir nicht ahnten, war das Verhalten der Juden. Wie verrückt sammelten sich immer mehr von ihnen an der Straße, die in die Stadt hinein kam. Ich organisierte weitere Truppen, die sich am Straßenrand postierten um niemanden durchzulassen. Was mir jetzt noch fehlte war ein Übergriff auf diesen Jesus und seine Jünger. Ich selber warf mir ein jüdisches Gewand über und trollte mich unter dem Volk.

Als Jesus kam, saß er auf einem kleinen Esel. Es sah einfach lächerlich aus. Aber die Verrückten um mich herum schrien und jubelten. Hosianna. Ich musste mir die Ohren zu halten. Sie rissen von den wenigen Büschen und Bäumen ab, was nur abging und schmissen es auf die Straße. Dann rissen sich vor allem die Männer die Klamotten vom Leib und warfen sie auch hin. Es sah wüst aus.  Als er und seine Jünger vorbei waren, folgten sie ihm bis zum Tempel. Das wollten wir eigentlich vermeiden, aber bei dem Chaos war selbst für meine hochspezialisierten Männer kein Zugriff möglich.

Und dann änderte sich schlagartig die Situation. Jesus kommt durch das Tempeltor und sieht die Händler und Geldwechsler. Da hebt er eine Hand, und alles ist still. Er steigt vom Esel und ich denke noch, mal sehen, was jetzt passiert. In dem Augenblick reißt er einem meiner Männer den Knüppel aus der Hand, stürzt auf die Händlertische zu und macht alles zu Kleinholz. "Das Haus meines Vaters ist keine Markthalle" schreit er. "Ihr sollt beten und bitten, nicht verkaufen und die Armen über den Tisch ziehen", schreit er. Dann treibt er die Händler und Geldwechsler und das ganze Vieh aus dem Tempel raus. Das Volk macht erschrocken Platz. Keiner hätte mit sowas gerechnet. Alle schienen Angst zu haben vor diesem rasenden Mann.

Nach dem die Händler draußen waren, ließ er sich mitten auf dem Tempelplatz nieder und erzählte. Und er wurde ausgefragt. Auch wenn die Stimmung deutlich gedrückter war, waren genug Fragende und Zuhörende da. Keine Möglichkeit, eben mal schnell zu zupacken und diesen Aufrührer auf nimmer wiedersehen verschwinden zu lassen. Doch die Schriftgelehrten, die ihn ausfragten, waren ganz offenbar nicht einverstanden mit seinen Antworten. Die Gesichter wurden immer länger. Schließlich kam Simon der Aussätzige und lud ihn zum Essen ein. Seine Jünger und die vielen Frauen, die ihm hinterherrannten, kamen alle mit. Ein Riesenpulk ließ sich vor dem Haus von Simon nieder. Meine Männer und ich, wir beobachteten jeden, der rein oder rausging. Da schlich sich doch diese Ehebrecherin aus der unteren Marktstraße heimlich durch die Hintertür ins Haus. Einer meiner Soldaten fragte mich, ob er sie festnehmen sollte. Ich dachte kurz nach und sagte: "nein, lass mal. Die hatte was versteckt. Vielleicht haben wir ein bisschen Glück und es war ein Messer. Dann nimmt sie uns die Arbeit ab und es ist endlich Ruhe. Aber", so sage ich zu ihm, "geh mal rein und versuch mal rauszubekommen, was da drin passiert".

Nach einer halben Stunde kommt er raus wie der Blitz und erzählt, dass die Frau eine Karaffe Öl versteckt hatte und als sie zu Jesus kommt, kippt sie das ganze Zeug über ihn. Die Jünger waren völlig fertig gewesen und haben über die

Verschwendung geschimpft, aber Jesus hat offenbar Verdacht geschöpft. Er sagte, sie habe ihn für seinen bevor-stehenden Tod gesalbt. Und dann noch was: Er sagte, er sei bald nicht mehr da, aber die Armen seien dann immer noch da und bräuchten dann ganz besonders die Unterstützung der Jünger.

Ich glaube, ich werde verrückt. So ein Quatsch, so ein unsinniges Zeug. Der kann gar keinen Verdacht geschöpft haben. Der ist doch kein Übermensch oder Gottähnlich. Mein Soldat nickt und schüttelt zugleich den Kopf. Ich wäre mir da nicht so sicher, sagt er.

Ich bin mir da nicht so sicher. Ist da mehr dran als wir sehen? Auf jeden Fall genug Aufregung für einen Tag. Ich schicke die eine Hälfte meiner Männer zurück. Sie sollen sich ausruhen. Mit den anderen beziehen wir unauffällig Posten rund um das Haus des Simon. Hier kommt heute Nacht keiner rein und keiner raus, ohne dass wir es merken. Ich bin mir da nicht so sicher. Die Worte gehen mir nicht aus dem Kopf. Ist er nun Aufrührer oder wird er nur zu einer Führergestalt gemacht und andere ziehen die Fäden? Auf jeden Fall ist er gefährlich, sehr gefährlich. Sein Einzug, sein Rumtoben im Tempel, seine gefährlichen Worte, alles spricht eine eindeutige Sprache. Wir werden da ganz dicht dran bleiben müssen.

Pilatus hat mich gefragt, ob ich mit dem Auftrag ein Problem habe? Nein habe ich gesagt. Aber jetzt? Ich bin mir da nicht so sicher. Warten wir es ab.

Gründonnerstag:

Drei Tage sind vergangen, seit dieser Jesus ganz Jerusalem in Aufruhr versetzt hat. Erst sein Einzug in die Stadt, dann sein blindes Rasen im Tempel und schließlich die Zusammenkunft bei Simon, dem Aussätzigen.

Zwischendurch war ich bei meinem Vater, Simon von Kyrene. Er ist ganz außer sich vor Angst. Er sagt, entweder ist dieser Jesus der Auserwählte, dann kommt am Ende die Gottesherrschaft und alle Nichtjuden werden untergehen, oder er ist es nicht, dann wird Pontius Pilatus jeden Aufstand mit massiver Gewalt im Keim ersticken. Und dann sagt er: "Mir ist nicht wohl, dass du bei den Legionären so eine wichtige Aufgabe hast. Ich weiß wohl", sagt er, "dass das nicht alles mit unserem Glauben vereinbar ist." Dann gab er mir seinen Segen und entließ mich.

Und nun ist es Nacht und ich stehe in einem Torbogen und beobachte das Haus gegenüber.

Die Jünger von diesem Aufrührer haben dort alles hergerichtet für das Pessahmahl. Und was die nicht alles bei schleppten: Wein in rauen Mengen, einige Lämmer, die geschlachtet und gebraten werden sollen. Später dann kamen die ungesäuerten Brote. Es sah so aus, als ob sie eine ganze Legion versorgen wollten. Kaiphas hatte mich vorher zu sich gerufen: "Du kennst deinen Auftrag, Soldat?" "Ja Herr." "Ich glaube, dass sich heute Abend der Verräter melden wird. Wenn er zu dir kommt, dann bringe ihn sofort hierher. Zögere keine Sekunde. Er ist wichtig."

Ich diene schon lange auf dem Feld und auch im Hintergrund. Aber jedes Mal, wenn Verräter im Spiel waren, gab es Probleme. Aber meine Männer sind stramm bei Fuß. Sie kennen sich aus und sie sind mir treu ergeben. Wir werden die Dinge schon so regeln, wie sie Pilatus und Kaiphas sich wünschen.

Aber jetzt sehe ich Bewegung drüben auf der anderen Straßenseite. Der Vorderste scheint Jesus zu sein. Oder nicht? Ich kann es nicht genau erkennen. Sie sind zu dritt oder zu viert. Nun verschwinden sie beinahe lautlos im Haus. Jetzt kommen zwei von der anderen Seite. Auch sie verschwinden im Haus. Okay also schon mal sechs drin. Ich höre hinter mir Schritte. Eine größere Gruppe kommt aus der Dunkelheit und eilt auf das Haus zu. Vier, fünf, sechs, nein, es sind sieben. Also zwölf Jünger und Jesus. Alle drin. Ich habe dem Hausbesitzer gesagt, er solle ja genau berichten, was sich dort abspielt. Zur Sicherheit habe ich ihm einen meiner Männer an die Seite gestellt. Wehe ihm, wenn er nicht kooperiert.

Ich sehe Laternen, die in dem großen Saal entzündet werden. In ihrem Licht bewegen sich zahlreiche Schatten. Ach, man kann sie nur solange sehen, wie sie stehen. Jetzt scheinen sie sich zum Mal gelegt zu haben.

Nach einer Stunde kommt ein einzelner Schatten aus der Tür geschlüpft. Ein kurzer Wink von mir und zwei meiner Leute nehmen den Mann schnell, lautlos und unauffällig fest. "Bringt mich sofort zu Kaiphas", zischt eine Stimme aus dem Dunkeln. "Ich muss mit ihm über Jesus reden." Ich gebe den beiden einen Wink, dass sie ihn loslassen. "Ich werde ihn selbst hinbringen", flüstere ich ihnen zu. "Lasst hier keinen raus, ohne ihn zu kontrollieren."

Bei Kaiphas angekommen sagt der Mann, er sei Judas, einer von den zwölfen. Er biete sich an, Jesus im Morgengrauen

zu verraten. Da würde er im Garten Gethsemane, oben über den Mauern von Jerusalem beten. Der, den er küssen würde, das wäre der richtige.

"Rufus", spricht mich Kaiphas an, "du wirst dich mit deinen Männern von Judas in den Garten führen lassen. Seid unauffällig. Es sollte niemand mitbekommen, was ihr da treibt. Wir wollen nur Jesus. Ist der erstmal weg, dann ist bei den anderen Ruhe." Mir fallen die Worte vom Sonntag ein: ich bin mir da nicht so sicher.

Auf dem Rückweg erzählt Judas, wie das war: "Jesus sprach von seinem Leib und seinem Blut, dass geopfert werden soll. Und er sagte: Einer von denen, die ihr Brot mit mir in die Schüssel tauchen, wird mich verraten." Judas sagt auch: "Jesus hat unheimliche Kräfte. Manchmal weiß er Dinge, bevor wir sie ihm erzählen. Und manchmal heilt er Menschen, die schon ganz schön lange schwer krank waren. Und dann, dann hat er sogar den Lazarus auferweckt. Ich hätte", so sagt Judas, "tausend Eide geschworen, dass der schon tot war. Wenn es hart auf hart geht da oben im Garten, seid auf der Hut. Einige seiner Jünger sind bewaffnet. Vor allem Petrus ist sehr gefährlich." Ich versprach ihm, dass wir aufpassen würden.

Am Haus angekommen, schlüpfte Judas wieder hinein und wir warteten wieder in der Dunkelheit. Zwischendurch meldete sich mein Mann, der im Haus war, und berichtete das Gleiche wie Judas. So konnte ich sicher sein, dass alles der Wahrheit entsprach. Aber es irritierte mich doch, dass dieser Jesus übermenschliche Kräfte haben sollte. Das konnte nicht sein. So etwas gab es nicht. Der Soldat, der im Haus war sagte: "ich bin mir da nicht so sicher. Wir sollten vorsichtig sein." "Gut", sagte ich, "dann bestell für das Morgengrauen noch einen Trupp Männer. Wir treffen uns hier mit Judas. Sie sollen sich gut bewaffnen. Und", ich packte ihn an den Schultern, "suche Männer aus, die verschwiegen und hart sind. Ich kann dort oben keine Weichlinge gebrauchen und auch niemanden, der alles weiter erzählt. Still und unauffällig sollen wir sein." "Gut" sagte er, "wir sehen uns nachher."

Ich hatte alles getan, was in meiner Macht stand. Obwohl…. Ich bin mir da nicht so sicher.

Diese Tage haben mich immer wieder überrascht. Dieser Jesus und seine Männer haben mich immer wieder  überrascht. Wollte er nicht König der Juden werden? Das heißt für mich: Wollte er nicht einen bewaffneten Aufstand anführen? Stattdessen spricht er ganz offen von seinem Tod, will sich opfern. Also der ist ganz anders als die Brüder meines Glaubens. Was ist das für ein komischer Jude? Ich bin mir da überhaupt nicht mehr sicher. Und wenn ich meine Männer anschaue, dann sehe ich nur ratlose Gesichter. Ob das alles so gut ist? Wir hätten doch jetzt das ganze

Pack hochnehmen können, hier in diesem Haus.

Mittlerweile sind die meisten Lichter erloschen. Rein, zugeschlagen und alles wäre erledigt. Stattdessen ein Verräter, der ganz dicht bei dem Aufrührer dran ist, tagelange Beobachtungen, kein klarer Bescheid. Wenn es nach mir gegangen wäre, dann wäre Jesus schon Tod und still und heimlich draußen in der Wüste verscharrt. Doch so hat er mit seinen Kumpels gefeiert, gegessen und getrunken und geheimnisvolle Andeutungen gemacht.

Also gut, warten wir auf das Morgengrauen, aber was dabei herauskommen wird? Ich bin mir da ganz und gar

nicht mehr sicher.

Karfreitag Morgengrauen:

Morgengrauen. Über der Schädelhöhe im Osten zeigt sich ein erster Schein. Gerade ist Jesus losgezogen hoch in den Garten Gethsemane im Westen. Judas hält tatsächlich Wort und kommt als letzter von der ganzen Truppe raus und direkt auf mich zu.

"Wartet noch einen Augenblick", sagt er. "Sie sollen ganz sicher sein." Es wird heller. Ich sage, "Man Judas, wir müssen los. Bei dem Licht kann uns jeder erkennen." "Ja, schon gut." Er geht los, aber ich weiche ihm nicht von der Seite. Meine Männer sind mir dicht auf den Herzen, hartgesichtige Kerle, die schon manche Schlacht für den Kaiser geschlagen haben. Ich kann mich auf jeden einzelnen von ihnen blind verlassen.

Zwei Ecken weiter stehen fünf Männer in jüdischen Roben. Kaiphas schickt uns. "Wir sollen mitkommen, wenn ihr Jesus verhaftet." Auch das noch. Zivilisten mit Knüppeln. Das hat mir gerade noch gefehlt. Aber gut. Ich werde ja nicht gefragt. Befehl ist Befehl.

"Schließt euch hinten an, redet nicht und verhaltet euch so leise wie möglich." Hoffentlich verstehen sie ihr Handwerk. Wir erreichen den Höhenzug, auf dem der Garten liegt. Von hier aus haben wir einen wunderbaren Blick auf die aufgehende Sonne. Schon steht ein schmaler gelber Streifen über Golgatha und blinzelt uns vertraulich zu. Noch eine Konspiration? Nein, nur ein Naturschauspiel. Ich bin verdammt nervös.

Schließlich erkennen wir die Gruppe. Vorne liegen einige im Gras und sind offenbar am Schlafen. Hinten kniet ein einzelner Mann. Er hat das Obergewand über den Schultern hängen. Er jammert und klagt. Soll das etwa Jesus sein? Wir schleichen uns dichter heran. In dem Augenblick steht er auf und weckt die Kameraden. "Konntet ihr nicht einmal jetzt mit mir wachen und beten", herrscht er sie an.

Oh man denke ich, wenn der so rumbrüllt wird unten in der Stadt alles wach. "Judas, los jetzt. Ist er das?" "Wartet noch einen Moment, ich gehe vor." Und er macht sich alleine auf den Weg, die ein oder zweihundert Meter bis zu der Gruppe der Männer. Er spricht mit dem einen, er drückt den anderen, dann steht er offenbar vor Jesus: "Rabbi", ruft er, ich höre es ganz deutlich. Und dann küsst er ihn und fällt ihm vor die Füße. "Rabbi, oh mein Rabbi, was habe ich getan?" Verräter, ich wusste, das geht nicht gut. "Los Männer." Ich warte auf kein Zeichen, sondern stürze los, meine Männer hinter mir her.

"Jesus von Nazareth, du bist gefangengenommen im Namen von Pontius Pilatus, dem Vertreter unseres göttlichen Kaisers, und Kaiphas, dem höchsten Vertreter deiner Religion."

Einer von diesen langbärtigen Gesellen dreht sich um, springt auf mich zu und zieht das Schwert. Mein Stellvertreter wirft sich vor mich und wird von dem Schwert am Ohr getroffen. Blut strömt, Geschrei ringsum, die meisten der Leute von Jesus und auch von Kaiphas hauen ab. Da beugt sich Jesus herunter, legt dem Verletzten die Hand auf das Ohr und es hört auf zu bluten. Was ist das?

Dann spricht er mich an. "Lasst uns gehen." Und freiwillig ohne Fesseln und ohne Hast kommt er mit uns. Der letzte von Kaiphas Männer kommt nach vorne zu mir. "Zuerst in den Tempel, ich flehe dich an, zuerst in den Tempel." Das kommt mir recht. Pilatus schläft gerne lange, den könnte ich jetzt ohnehin nicht wecken. Also einmal quer durch die Stadt und im Süden hoch auf den Tempelberg. Mittlerweile steht die Sonne ganz über den Schädelhöhen. Ich höre Hammerschläge. Meine Kameraden aus der zweiten Legion bereiten die nächsten Kreuzigungen vor. Vor dem Pessahfest ist noch eine Menge Arbeit zu erledigen.

Ich werde froh sein, wenn ich diesen Jesus abgeliefert habe und nichts mehr mit ihm zu tun habe. Er macht mich unsicher. Wer ist denn jetzt eigentlich wer? Wir schleichen Tage- und Nächtelang um dunkle Ecken, wir verkleiden uns,

beschnüffeln, was wir kriegen können, bedienen uns eines Verräters und er widerspricht noch nicht einmal? Ist es richtig, diesen Mann, der sich so freiwillig gefangen nehmen ließ, an Kaiphas auszuliefern?

Die werden versuchen ihm was anzuhängen. Ich kann es förmlich riechen. Ich bin mir mittlerweile überhaupt nicht mehr sicher, auf wessen Seite ich eigentlich stehe. Wenn vertrete ich hier? Den Gottkaiser in Rom, dessen Bild ich nur von den Münzen kenne? Oder Pilatus, den Statthalter, der mir Befehle, Brot und ein Dach über dem Kopf gibt? Oder stehe ich hier für meinen Gott, den Gott der Israeliten, der uns in seinen zehn Geboten klar gemacht hat, was er von uns will?

Ich sehe das Gesicht meines Vaters vor Augen, mit Falten von den vielen Zweifeln im Gesicht. "Sei dir nicht so sicher, ob du wirklich alles verstehst mein Sohn." So sagte er einst zu mir. Dann legte er seine Hände auf mich und sprach: "So segne dich unser Gott Jahwe auf deiner Reise ins Leben, der schon Abraham, Jakob und Isaak gesegnet hat. Und nun geh mein Sohn. Du kennst die nächsten Schritte, die du zu tun hast." Und ich ging in die Kaserne, meine Wehrpflicht zu absolvieren. Und weil ich gut versorgt war und auch meinem Vater noch etwas abgeben konnte, blieb ich bei den Legionären.

Heute, an diesem Morgen, an dem wir den festnahmen, der sich selbst als Sohn Gottes, als Messias bezeichnet, da bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob das alles richtig ist.

Karfreitag um die dritte Stunde:

Wir sind im Tempel. Zwei meiner Männer haben Jesus an Händen und Füssen mit Ketten gefesselt. Er kann nur noch ganz kleine Schritte machen. So zerren sie ihn vor Kaiphas, der im Tempelsaal auf seinem Thron sitzt. Etwas in mir will rufen: "Geht doch mit diesem sanften Mann ein bisschen sorgsamer um." Aber die Pflicht ist lauter. Ich stoße Jesus in die Kniekehle so dass er zu Boden fällt.

Hinter mir versammeln sich die gläubigen Juden, die Creme de la Creme von Jerusalem. Leise höre ich sie flüstern. "Tötet ihn den Verräter. Steinigen, oder kreuzigen, das ist die gerechte Strafe für seine Gotteslästerungen." Kaiphas hebt die Hand und es wird still im Saal. Er erhebt seine Stimme: "Stimmt es, dass du der Sohn Gottes bist?"

Keine Antwort.

Einer der Soldaten tritt zu: "Los antworte du Gewürm."

Keine Antwort.

Noch einmal erhebt Kaiphas die Stimme: Stimmt es, dass du den Tempel in drei Tagen abreißen und wieder aufbauen willst, aber keinen den man anfassen kann, sondern einen aus Licht und Güte?"

"Du sagt es."

"Und bist du nun der König der Juden, der Messias, von Gott gesandt?"

"Du sagst es."

"Und was soll ich nun mit dir machen?"

Aus den hinteren Reihen höre ich Stimmen: "Zu Pilatus mit ihm. Ans Kreuz mit ihm. Rasch, bevor das Fest beginnt."

Kaiphas schaut mich an. "Du, Rufus von Kyrene, der du einer von uns bist und einer von den Römern. Schaff den da zu Pilatus. Wir werden folgen."

Und so formierte ich einen riesengroßen Zug. Vorne weg der gefesselte Jesus mit den blutigen Wunden. Zwei Soldaten machen sich einen Spaß daraus, ihn vor sich her zu treiben. Dann komme ich mit meinem Stellvertreter, der mit dem frisch geheilten Ohr. Hinter mir meine Soldaten. Darauf folgt Kaiphas, umgeben von Pharisäern und Schriftgelehrten und schließlich das jüdische Volk aus der Oberstadt. Während vorne nur das Stöhnen von Jesus und gelegentlich ein aufmunternder Schrei der Soldaten zu hören ist, verfolgen mich von hinten die Stimmen, die Jesus Tod fordern.

Ich weiß nicht, aber ich bin mir mittlerweile ziemlich unsicher, ob das alles richtig ist. Aber ein römischer Legionär stellt keine Fragen. Er führt Befehle aus. Denken, das müssen andere tun, ich nicht. "Jahwe, du Gott meiner Väter, ich danke dir dafür."

Wir erreichen den Palast von Pilatus. Jetzt übernimmt Kaiphas die Spitze. Er marschiert direkt bis in den Thronsaal von Pilatus. Dort wirft er sich Pilatus zu Füssen auf den Boden. "Herr, wir haben einen gefährlichen Aufrührer festgenommen. Wir bringen ihn zu euch, damit ihr ein gerechtes Urteil über ihn fällt. In Anwesenheit all dieser Zeugen hat er zugegeben, dass er behauptet, er sei der König der Juden, der erwartete Messias, der Sohn Gottes. Wir wissen aber, dass er das nicht sein kann. Wir sind aber davon überzeugt, dass er sehr gefährlich ist und an eurem Thron zerrt."

Ich kann nicht mehr zuhören. Dieser Verlogene. Aber Pilatus genauso. Der tut, als wisse er von nichts. Aber ich weiß es besser. Natürlich hat er das alles gemeinsam mit Kaiphas vorbereitet. Ein Theaterspiel für das Volk.

Pilatus winkt lässig mit der Hand. Ich bekomme in den nächsten Minuten nicht mit, was passiert, denn in diesem Augenblick kommt einer der Haussklaven von Pilatus zu mir, klopft mir auf die Schulter und drückt mir ein Stück Pergament in die Hand.

An Rufus steht oben. Und dann: Sagt meinem Mann, dass dieser Jesus unschuldig ist. Er darf ihn nicht verurteilen. Unterzeichnet ist der kurze Brief mit Oleander, Gattin des Pilatus.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie meine Soldaten Jesus auf den Balkon zerren. Unten hat sich eine riesige Menge Volk angesammelt. Pilatus winkt mich an seine Seite. Während Kaiphas vorne weg ebenfalls auf den Balkon geht, kann ich Pilatus die Nachricht seiner Frau zustecken. Er liest und nickt mir zu.

Auf dem Balkon ruft er dem Volk zu: "Einen werde ich wie jedes Jahr frei lassen. Wen wollt ihr haben diesen da oder Barrabas, den Mörder?" Das Volk antwortet wie im Chor: "Lass Barrabbas frei. Kreuzige diesen. Ja kreuzige diesen." Pilatus nickt wieder und lässt sich eine Schüssel mit Wasser kommen. "Seht", ruft er, "ich wasche meine Hände in Unschuld. Euer Wille geschehe."

Dann sagt er zu mir: "Nimm deine Männer und bereite den für die Kreuzigung vor. Er soll heute Mittag noch angeschlagen werden." Und zum Kerkermeister gewandt: "Gib Barrabas frei. Unser Gottkaiser weiß, ich habe keine Wahl."

Bei diesem letzten Satz schießt mir durch den Kopf: "Da bin ich mir gar nicht mehr sicher." Aber Befehl ist Befehl. Auch wenn ich mittlerweile wirkliche Magenschmerzen habe und mir so unsicher bin wie noch nie in meinem Leben, führe ich meine Männer gemeinsam mit dem gefangenen Jesus hinunter in die Kerker. Und in meinem Inneren bete ich: "Oh Jahwe, lass deinen Frieden doch bitte endlich zu uns kommen."

Karfeitag um die neunte Stunde: 

Verehrter Kaiser, verehrte Senatoren und auch ihr, ihr ach so unbefangenen Zuhörer, edle Leser, ich will meinen Bericht fortsetzen.

Das Urteil war gesprochen. Pilatus hatte seine Hände in Unschuld gewaschen und auch Kaiphas schien an dem Urteil unbeteiligt. Nur das Volk hatte entschieden. Meine Soldaten und ich taten das, was wir in solchen Fällen immer zu tun pflegten. Der Frust unter uns war schon groß genug. Es war der fünfte Tag im Dauerdienst. Wir wollten es endlich hinter uns bringen und uns unter das Volk mischen, um ebenso zu feiern wie sie.

Meine Männer und ich brachten Jesus in den Kerker unter Pilatus Palast. Zwei von ihnen schickte ich los hoch auf die Schädelhöhe, die die Einheimischen Golgatha nannten. Sie sollten dafür sorgen, dass ein drittes Kreuz vorbereitet wurde. Während dessen rissen wir Jesus die Kleider vom Leib. Einer von uns nahm seine Tunika, so scharlachrot wie meine, und warf sie Jesus über die Schultern. Ein anderer flocht aus Dornenzweigen einen Kranz, den setzten wir Jesus auf den Kopf und drückten ihn ordentlich fest, damit er dort blieb auch wenn der Mann stürzen sollte. Meine Männer ließen ihre Wut über die vielen zusätzlichen Stunden Dienst an diesem aus, der der Grund dafür war. Dann kam das Signal, dass auf Golgatha alles vorbereitet sei.

Zwei andere Verbrecher hatte man schon dorthin geschafft und an ihre Kreuze genagelt. Für Jesus aber hatten wir etwas anderes vorbereitet. Er sollte sein Kreuz selbst dorthin tragen. Zuvor jedoch wollte ich ihm, so wie es Sitte war, einen Becher Wein mit Myrrhe vermischt geben. Das Kraut sorgte dafür, dass sich der Darm entspannte und die Schmerzen gelindert wurden. Doch Jesus verweigerte den Becher. Also gut, dachte ich, wenn du nicht willst…

Wir gingen los. Zehn Mann rund um Jesus mit dem Kreuz auf dem Rücken, alle mit Peitschen ausgerüstet. Ich selber bildete das Ende. Hinter mir folgten meine restlichen Männer in voller Uniform mit Schwert und Speer und behielten das Volk im Auge, dass die Straße säumte.

Auf halber Strecke brach Jesus zusammen. Der Blutverlust und der fehlende Schlaf aus der vergangenen Nacht hatten ihn offenbar seiner Kräfte beraubt. Ich griff blind in die Reihe des Volkes und zog den ersten Mann, der mir zwischen die Finger kam heraus. "Du, hilf ihm tragen." Eine bekannte Stimme sagte zu mir: "Was tust du, Sohn?" Ich sah hin. Es war mein Vater, Simon von Kyrene, dessen Namen auch ich trug, Rufus von Kyrene. Aber Befehl war Befehl und es gab keine Familie, wenn es um den Dienst ging.

"Los, tragen," fuhr ich ihn an. Und er ging hin und nahm das hintere Ende des Kreuzes, während Jesus das vordere trug. Mit langsamen Schritten kamen wir oben auf der Höhe an. Gerade erschallte das Zeichen vom Tempel. Es war die sechste Stunde. Da legten meine Männer ihn auf das Kreuz und ich nagelte ihn an. Dann richteten wir ihn auf.

In diesem Augenblick ertönte ein Schrei, der Boden wankte und später erfuhr ich, dass der große Vorhang im Tempel, der den Thron des Hohenpriesters vom Allerheiligsten trennte, zerriss. "Hört auf zu

schreien," rief ich. "Das ist nur ein ganz normales Beben. Es hört gleich wieder auf." Und es hörte auf. Aber nun kam die angekündigte Sonnenfinsternis. Die Gelehrten hatten schon seit Wochen prophezeit, dass sie jetzt irgendwann kommen sollte. Es wurde stockfinster. Die Finsternis dauerte nur ein paar Minuten, aber es war unheimlich, gerade als wir diesen Aufrührer am Kreuz aufgerichtet hatten. Ein Zeichen Jahwes? Oder ein Zeichen von Augustus, unserem Gottkaiser?

Nur nicht nachdenken. Alles hat seine Richtigkeit. "Wir führen nur Befehle aus", sagte ich zu meinem Vertreter. "Bist du dir da sicher?", flüsterte mein Vater hinter mir. Ich hatte ihn ganz vergessen. "Überlege gut, was du getan hast", sagte er und verschwand in der Menge, die um das Kreuz herum stand.

Jesus unterhielt sich noch mit den beiden anderen. Dem einen versprach er sogar, dass er heute noch mit ihm im himmlischen Reich sei. Er war wohl schon im Fieberwahn. Dann rief er nach seinem Vater: Vater, Vater, warum hast du mich verlassen? Er musste unsäglichen Durst und wahnsinnige Schmerzen haben. Einer meiner Männer nahm einen Schwamm, tauchte ihn in ein Essigfass und gab es Jesus zu trinken.

Dann kam noch ein Wort von Jesu Lippen: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.

Wir schauten uns an. Selbstverständlich wussten wir genau, was wir taten. Wir führten die Befehle aus, die man uns gegeben hatte. Ob vom Volk, vom Tempelführer oder vom Vertreter des Kaisers war dabei völlig gleichgültig.

Schließlich hörte ich von oben noch einmal seine Stimme: Es ist vollbracht. Sein Kopf sank nach unten und tief in meinem Inneren dachte ich: Dieser Mann ist wahrlich Gottes Sohn gewesen. Doch auch da war ich mir gar nicht sicher. Eigentlich wusste ich überhaupt nicht mehr, was ich denken oder glauben sollte.

Das Volk lief auseinander. Ich blieb mit drei von meinen Männern dort oben und schickte die anderen in die Kaserne. Macht euch sauber, esst euch satt und legt euch hin. Wer weiß, was noch auf uns zukommt. Und sie trotten von dannen.

Wir vier vertrieben uns die Zeit mit Würfel spielen. Und weil die Kleider von Jesus noch unten im Kerker lagen, spielten wir um sie. Nach all den Aufregungen war es endlich ein bisschen friedlich und ruhig geworden, in unseren Herzen und Sinnen und im Volk. 

Karfreitag um die zwölfte Stunde

Es wurde langsam dämmerig, Geehrter Kaiser, geehrte Senatoren, geehrte Zuhörer, "wie lange müssen wir noch hier sitzen", fragte einer. "Der ist doch schon tot." "Wenn du dir sicher bist, dann schau nach. Nimm die Lanze und stech sie ihm in die Seite." "Wenn ich dann eher nach Hause komme", sagte der Soldat, "dann will ich es tun." Und er stach zu, aber es floss kaum noch was aus der Wunde heraus. "Siehst du, er ist tot."

In diesem Augenblick hörten wir Schritte. Pilatus und Kaiphas kamen den Berg herauf, begleitet von zwei der Legionen, die zur persönlichen Leibwache bestimmt waren. Wir standen sofort stramm und ich fiel auf die Knie. "Herr, ich wäre doch zu dir gekommen, doch nun kommst du zu mir. Was kann ich für dich tun?" "Ist er nun endlich tot?" fragte Kaiphas ganz ungeduldig. "Ja", antwortete ich, "wir haben es überprüft." "Nun Rufus, du hast deine Sache gut gemacht. Sieh her, dies ist Joseph von Arimathäa, einer der Ratsherren. Ihn hat es verlangt, den Leichnam von Jesus abzunehmen und ihn zu bestatten. Nun sei so gut und lege mit deinen Männern das Kreuz um, damit er ihn mit sich nehmen kann."

Ich sah das Leuchten in den Augen meiner Männer. Das bedeutete, dass wir bald Feierabend hatten und endlich von dieser luftigen Höhe wegkonnten. Schnell befestigten wir die Seile und ließen das Kreuz herab. Damit es rascher ging, löste einer meiner Männer die Nägel.

"Nun", sagte Pilatus zu dem Ratsherrn, "seid ihr nun zufrieden? Aber achtet darauf, dass das Grab gut verschlossen wird." Der Ratsherr verneigte sich vor Pilatus, winkte zwei Diener herbei, die den Leichnam aufnahmen, und folgte ihnen.

Kaum waren sie außer Hörweite redete Kaiphas auf Pilatus ein. "Wollt ihr das Grab wirklich unbewacht lassen? Jesus hat behauptet, er würde nach drei Tagen auferstehen. Dieser Ratsherr ist ein heimlicher Gefolgsmann von ihm. Er bringt es fertig und lässt die Leiche verschwinden und behauptet, er sei auferstanden. Dann ist uns mit diesem Tod nicht geholfen." Pilatus sagte, "Nun gut, Kaiphas, auch diesen Wunsch will ich dir noch erfüllen. Nimm diese vier Männer hier und ich will dafür sorgen, dass auch der Rest dieser Legion hier her geschickt wird. Sie sollen die nächsten vier Tage das Grab bewachen und niemanden hineinlassen."

Meine Männer schauten mich an. Sie waren genauso entsetzt wie ich. "Großer Pilatus, Herr, dürfen wir uns denn nicht erstmal frisch machen? Unsere ganze Truppe ist seit einer Woche rund um die Uhr im Einsatz. Lass uns wenigstens etwas essen und trinken." "Nun gut, Rufus, du gehst vor und deine Männer sorgen dafür, dass du abgelöst wirst. Aber lass mir diesen Josef von Arimathäa nicht aus den Augen." Und er wandte sich ab und ging.

Meine Männer kamen zu mir. "Hauptmann, wir schicken dir die anderen rauf und kommen morgen früh selber mit dazu. Sobald die anderen da sind, kannst du dann auch mal in die Kaserne."

Also machte ich mich alleine auf den Weg und folgte Josef von Arimathäa zu dem Grab. Er hatte es erst aus dem Felsen schlagen lassen. Ich erinnerte mich daran, weil es großes Aufsehen gab, dass er direkt hinter der Schädelhöhe sein Grab einrichten ließ. Als ich dort ankam, sah ich noch, wie sie den Leichnam hinein brachten. Als die Diener herauskamen, rollten sie einen großen Felsen, der neben dem Eingang lag, davor. Es tat einen dumpfen Schlag, als der Brocken ein wenig nach hinten kippte und den Eingang hermetisch verschloss.

Josef blieb noch einen Augenblick davor stehen. Dann wandte er sich mir zu. "Du sollst Wache halten?" "Ja." "Alleine?" "Nein, die anderen kommen nach." "Nun gut. Lass niemand hinein." "Ich werde wachen und meine Männer auch." Dann ging er.

Es wurde dunkel und ich entzündete eine Fackel. So saß ich, bis meine Ablösung kam. Aber irgendwie war ich unruhig. Ich war mir immer unsicherer geworden, ob das alles so richtig war. Ich wollte wissen, ob dieser Tote irgendwann aus seinem Grab heraus kam. Also blieb ich bei meinen Männern vor dem Grab. Und ich betete: "Vater, Jahwe, lass Frieden ruhen auf diesem Grab."

Ostermorgen

Es ist ein Morgen wie damals, die Dämmerung ist aufgezogen, der dritte Tag seit der Kreuzigung. Mir ist kalt, ich bin müde, zwei Nächte durchwacht, zwei Tage durchwacht. "Achtet darauf, dass niemand an den Leichnam geht." Hier vor dem Eingang saßen wir damals. Vier Soldaten aus meiner Kohorte und ich als Hauptmann. Sonderwache. Wir sind schon den achten Tag im Dienst, seit dieser Jesus Jerusalem betreten hat.

Diese Nacht war ruhig. Genauso ruhig wie die ganze Zeit, seit wir hier wachen. Von weitem sah ich sie

kommen. Zwei jüdische Frauen in Trauerkleidern. Fackeln in den Händen, Tongefäße dabei, wohl mit Öl für den Leichnam. Ich wusste, ich muss sie abweisen.

"Das Grab bleibt zu! Befehl ist Befehl."

Genau, Befehl ist Befehl. Doch war ich mir gar nicht sicher. Das war mein letzter Gedanke.

Dann kam das Licht.

Sie sagten zu mir: "Ihr wart wie tot. Völlig erstarrt mit aufgerissenen Augen lagt ihr auf dem Boden vor dem Grab." Einer berichtete: "Der Felsen war an die Seite gerollt und ein Mann in weißem Gewandt saß darauf. Als die Frauen kamen", erzählte er weiter, "sprach die weiße Gestalt sie an. Ihr sucht Jesus? Er ist

nicht hier, er ist auferstanden. Geht nach Jerusalem und berichtet, was ihr hier gesehen habt."

Und sie gingen.

Als meine Männer und ich wieder wach wurden, war nur die leere Grabhöhle da. Wir sollten zurück zu

Pilatus, Bericht erstatten. Aber irgendwie wusste ich, dass konnte ich nicht. Auf einmal war ich mir sicher, so sicher, wie noch nie in meinem Leben.

Ich entließ meine Männer und ging alleine hinunter nach Jerusalem. Sofort war ich von dem neuesten Gerücht umgeben. "Jesus ist auferstanden, ja er ist wahrhaftig auferstanden." "Die Frauen haben es

erzählt. Daraufhin haben Petrus und Jakobus und ein paar andere nachgesehen." "Die Soldaten lagen wie tot vor dem Grab. Und das Grab war offen und leer."

Jetzt wusste ich was ich zu tun hatte. Diese Sicherheit, sie hielt mich fest. Dieser Jesus, denn wir hingerichtet hatten, den ich eigenhändig festgenagelt hatte, dieser Jesus war Gottes Sohn, der Messias, der Christus. Doch was nun? Was sollte ich machen?

Ich schlich um eine Ecke, legte die Uniform ab und warf eine jüdische Albe über. Dann machte ich mich auf die Suche nach den Jüngern. Sie mussten sich irgendwo in der Stadt versteckt haben.

Aber eines wusste ich nun und konnte daran glauben: Jesus ist wahrhaftig auferstanden.

Deshalb konnte ich auf einmal bitten:

Der Friede Gottes, der größer ist als alle Vernunft bewahre mein Herz und meine Sinne in Christus

Jesus. Amen