30.08.2015 - Predigt zu Lukas 10, 25-37


Der Friede unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen. Amen

 

Liebe Gemeinde,

manche der Geschichten Jesus können wir bald nicht mehr hören. Sie sind uns in Fleisch und Blut übergegangen. Von Kindheit an, am besten mit erhobenen Zeigefinger wurden und werden sie uns erzählt.

Eines haben diese Geschichten häufig gemeinsam: Sie beginnen mit einer Frage. In unserer heutigen Geschichte aus dem 10. Kapitel des Lukasevangeliums ist es nicht anders: Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?

Was muss ich tun, um ewig zu leben? Gute Frage, nächste Frage. Nein, Jesus speist ihn nicht ab. Er will, dass die Antwort aus dem Fragenden selber kommt. Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Her-zen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

Also konnte der Frager seine eigene Frage richtig beantworten.

Aber wo ist da das Konkrete? Was sollen wir anfangen mit „Liebe Gott“ und „Liebe deinen Nächsten“ oder gar mit „wie dich selbst“? Ist das nicht eher eine Antwort, die so oder so gelebt werden kann? Die Antwort ist wohl richtig, aber ist deshalb vollständig? So geht es uns mit vielen Antworten. Manches bleibt dabei unter Umständen verborgen. Unter Umständen ist mit ihnen gar nichts gewonnen, im schlechtesten Fall werden sie zu Alibis oder Leerformeln, die das eigentlich Fragliche zudecken.

Dass es auf erstaunliche Wege führen kann, die richtige Antwort zu hinterfragen, stellt der weitere Verlauf dieses Dialogs zwischen Jesu und dem Schriftgelehrten dar. Doch zurück an den Anfang: Alles beginnt mit einer Frage: »Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?«

Manchmal ist mir in meiner beruflichen Praxis diese Frage schon begegnet, aber ich vermute, dass es keine der Fragen ist, die uns Tag und Nacht umtreiben. Dabei ist sie keineswegs allein von theologisch-akademischem oder im engeren Sinn religiösem Interesse. Sie taucht auch außerhalb von Christentum und Kirche auf, z. B. als Frage nach dem Sinn des Lebens. »Wofür lebe ich?« »Was steht für mich im Leben an oberster Stelle und warum?«

So gestellt, ist uns die Frage nicht so fremd. Oft bricht sie auf, wenn bisherige Schwerpunktsetzungen fraglich werden. Wenn die Kinder aus dem Haus gehen und ich vor dem Phänomen des leeren Nestes stehe, wenn die Gesundheit einbricht und bisheriges Engagement in Sport, Beruf oder Familie so nicht mehr möglich ist; wenn ich plötzlich auf die Zahl meiner Jahre schaue und die Frage in mir aufsteigt: War das jetzt alles?

Was muss ich tun, um ewig zu leben? So fragt ein Mensch, der den Wunsch hat, das Leben möge in dem Sinne gelingen, dass Gott es annehmen und am Ende aufnehmen kann. Es geht um ein Leben, das Bestand haben kann in Zeit und Ewigkeit. Vielleicht ein unbescheidenes, aber doch ein attraktives Ziel, hinter dem sich eventuell die Angst vor dem Tod, vor dem „Jetzt ist alles zu Ende“ versteckt.

Die beiden, der Gesetzeslehrer und Jesus, finden schnell zur Übereinstimmung. Der Schlüssel zu einem gelingenden Leben liegt im Zugleich von Gottes- und Nächstenliebe. So weit, so richtig. Und doch eine der Antworten mit Alibipotential, zumindest mit Blick auf das Stichwort Nächstenliebe. Denn wer, bitte schön, soll das sein, »mein Nächster«? Der Nächst-beste? Der, der mir am Nächsten steht? Woran er-kenne ich ihn? Gib es Kriterien für den Nächsten? Und wenn einfach jeder gemeint ist, dann kommt ja keiner wirklich in den Blick.

Deshalb kommt folgerichtig die Frage des Schriftgelehrte an zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?

Ich will nicht darüber diskutieren, warum der Schrift-gelehrte so fragt. Vielleicht sucht er nur einen Ausweg aus dem Dilemma, auch die Zöllner und Aussätzigen mögen zu müssen. Vielleicht will er aber wirklich eine ehrliche Antwort.

Wer ist mein Nächster? Die Familie, weiter entfernten Verwandten oder die Nachbarn, die Bewohner eines Dorfes oder Stadtteils? Kriegsopfer und Flüchtlinge oder Großindustrielle und Politiker? Wer soll es denn nun sein?

Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen.

Gut nun weiß ich schon mal, wer zum Opfer wird, ist mein Nächster.

Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinab zog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Des-gleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?

Lehnen wir uns mal gelassen zurück und erkunden wir das, was Jesus da erzählt. Da ist der Händler, der den gefährlichen, 24 km langen Weg von Jerusalem nach Jericho läuft. Warum alleine? Wenn der Weg doch so gefährlich ist, warum hat er niemanden mit-genommen? Das eigene Leben riskieren und dann auf die Unterstützung von Anderen rechnen?

Dann tauchen die anderen Protagonisten auf: Zu-nächst die Räuber, die ihm nichts lassen und ihn in den Graben werfen. Sie haben sozusagen für das, was da kommen mag, den Boden bereitet.

Schriftgelehrte, Pharisäer, die vorbei gehen und dann erwartungsgemäß der Samariter, der selbstlos hilft. Das ist irgendwie wie in einem Film oder Buch, des-sen Verlauf und Ende wir voraussehen können. Klar sieht der Samariter den im Graben liegenden als seinen Nächsten an. Und jetzt könnte ich weiterreden über die Nächstenliebe, die wir tun sollen. Aber die abschließende Frage Jesus gibt den ganzen einen neu-en Blick:

Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?

Die, die vorbeigehen oder auch stehen bleiben, werden zum Nächsten. Jesus fragt nicht, warum Pharisäer und Schriftgelehrten in dem am Boden liegenden Mann den Nächsten nicht erkennen. Er fragt auch nicht, warum der Samariter anders tut. Er will wissen, wer denn aus Sicht des Geschlagenen der Nächste ist.

Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Jetzt wird es erstaunlich. Denn die Aufforderung Jesu beinhaltet erst einmal nicht, gehe auf deinen Nächsten zu, sondern werde selber zum Nächsten.

Mein Nächster ist nicht mein gegenüber, einer der nur Objekt ist und an dem ich etwas tun soll. Nein, zum Nächsten werde ich, alles andere geschieht einfach.

Diese Parabel, so mein Eindruck, verwandelt das Wort der Nächstenliebe erheblich, sie macht deutlich, es geht nicht um hehre Gedanken, nicht um große Gefühle, auch nicht um Aufopferung für diesen oder jenen.

Die Geschichte Jesu macht die Begrenzungen der Nächstenliebe zunichte. Ich kann nicht eingrenzen wer mein Nächster ist, wenn ich mich ganz allgemein zum Nächsten selber mache. Entscheidend ist auf einmal nicht, wer Hilfe braucht, entscheidend ist, dass ich mich nicht entziehe, dass ich offen, ansprechbar und hilfsbereit bin, wo ich gerade gebraucht werde. Ich mache mich zum Nächsten und werde damit für jeden, der um mich herum ist, unabhängig davon, ob nah oder fern, ganz automatisch zum Nächsten.

»Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?« Mich mit allen mir zu Gebote stehenden menschlichen Fähigkeiten an Gott hängen und ein Mensch werden, der zulässt, dass ihn Menschen und Situationen im Innersten anrühren, ihm an die Nieren gehen, situativ, vielleicht zu unpassender Zeit, an unerwartetem Ort. Und der dann handelt, geerdet, pragmatisch, not-wendig.

Die Geschichte vom barmherzigen Samariter behandelt das Thema Nächstenliebe überraschend anders, nüchtern und ernüchternd. Damit wird die Sache der Nächstenliebe nicht weniger anspruchsvoll, nimmt uns nicht weniger in die Pflicht – im Gegenteil.

Zu einem Leben, das in Zeit und Ewigkeit Bestand haben kann, zu einem Leben, das »gelingt«, gehört immer auch, so das Gesprächsergebnis zwischen Je-sus und seinem Gegenüber, dass ich mich einlasse, mich nicht entziehe, wo ich unvertretbar bin. Es gibt Situationen und Begegnungen, in denen kann mich niemand vertreten, wenn ich dann wegschaue, ist kein anderer da.

Es bringt uns nichts, wenn wir Fragen stellen, damit wir Antworten bekommen, die uns zum Vorwand dienen, nichts zu tun oder unverbindlich zu bleiben. Es kann und darf nicht der Weg sein, mir die entscheidenden Fragen und Konsequenzen vom Leib zu halten. Gut, wenn dann einer kommt und provokativ die richtigen Fragen stellt, und manchmal ist das auch ein biblischer Text.

 

Und der Friede Gottes, der größer ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen