29.03.2015 - Predigt zu Johannes 12, 12-19


Schriftlesung Joh 12, 12-19

Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte. Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, daß ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. Amen

 

Ein Lehrling eines Schriftgelehrten namens Daniel erzählt uns in dieser Woche seine Geschichten:

Manchmal verstehe ich mich selber nicht. Als ob da nicht schon genug gekommen wären, die gesagt haben: »Ich bringe euch Heil, ich werde euch retten, folgt mir nach!«

Und wie oft ist die Begeisterung dann in Enttäuschung und Scham umgeschlagen, manchmal auch in Blutvergießen.

Nicht einer hat Wort gehalten. Nicht einer war da und hat uns, hat mich errettet.

Aber jeden Tag erscheint ein anderer sogenannter Messias. Und die Leute ziehen immer wieder hin.

In der Hoffnung, diesmal wird es anders sein.

So stehe auch ich nun wieder an der Straße und schüttle zugleich den Kopf: Ach, Herz, warum gibst du diese Sehnsucht nicht auf?

Warum findest du dich nicht ab mit dem Leben, wie es nun einmal ist? Warum bist du so töricht und folgst der Menge vor die Stadt?

Hast dich wieder einmal anstecken lassen, als sie alle von diesem Jesus geredet haben. Was er lehrt, wie er mit den Menschen umgeht, wie er heilt und dass er sogar einen Toten auferweckt haben soll.

 

Ich, Daniel, Lehrling im Tempel, hätte in der Stube meines Lehrers über meinen Schriftrollen sitzen bleiben sollen.

Denn was suche ich hier? Den Wundermann und Verkünder einer neuen Lehre?

Den heißspornigen Revoluzzer, der im Tempel die Tische der Geldwechsler umstößt?

Einen Mann voller Geschichten und mit manchmal spitzer Zunge, der Menschen in seinen Bann ziehen kann?

Ich weiß nicht, was ich suche. Doch, eines suche ich sicher: Hoffnung.

Nun stehe ich hier und warte. Doch, jetzt tut sich etwas. Aufgeregt recken die Leute ihren Hals, zeigen mit dem Finger. Ja, da kommt er! Die Stimmen werden lauter, schließlich bricht fast ein Jubel aus. Das Volk begrüßt diesen Jesus, reißt Zweige von den Palmenbäumen und legt sie auf seinen Weg. Sie rufen den alten Pilgergruß: »Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn«, und sie münzen den Hosianna-Ruf um in ein Willkommen für einen König.

Eben ist Jesus noch zu Fuß gegangen. Auf einmal sitzt er auf einem Esel. Wie lächerlich, aber die Stimmung der Menge steigt. Es würde mich nicht wundern, wenn gleich ein paar Römer auftauchen und diesem grotesken Spuk ein Ende machen.

Das ist wohl auch die Sorge der Freunde meines Lehrers, allesamt Schriftgelehrten und Pharisäer. Ich sehe sie etwas abseits stehen. Sie stecken die Köpfe zusammen. Sie tuscheln. Ich ahne nichts Gutes. Wo diese Köpfe zusammenstecken ist noch immer nur Ärger rausgekommen.

Es ist wohl besser, ich mache mich auf den Heimweg, aber irgendetwas lässt mich nicht los. Noch will ich nicht in die Stadt zurückkehren.

 

Ich will Ihnen was von mir erzählen: Die Hoffnung hat mich auf die Straße getrieben. Die Hoffnung, dass sich endlich etwas ändert. Dass Frieden einzieht. Erniedrigung ein Ende hat. Aber diese Hoffnung ist schon so oft enttäuscht worden. Täglich lese ich in den Schriften,

Sie erzählen von einem, der kommen soll, um Israel zu erlösen. Von einem König auf Davids Thron. Von einem Reich, in dem Frieden und Gerechtigkeit herrschen.

Doch zu bitter sind unsere Erfahrungen der Erniedrigung durch die Römer, die täglich zu beobachtende Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Immer wieder stehen die Kreuze am Straßenrand, sogenannte Aufrührer hängen dran.

Immer wieder zieht eine Patrouille los, Steuern eintreiben für den Kaiser und ganz ehrlich, manchmal auch für den Tempel.

Mein Vater brachte mich nach Jerusalem, um hier die Heiligen Schriften zu studieren. Er meinte, als Angehöriger des Tempels wäre mein Leben sicherer und besser, als wenn ich, wie er, Weinbauer würde. Er kann sich einfach nicht vorstellen, wie sehr er sich geirrt hat. Jeder ist sich selbst der Nächste, das ist hier die Devise. Jeder erzählt Lügen über jeden, wenn es ihm nur hilft, ein Stückchen die Leiter hoch zu klettern. Je näher du an Kaiphas rankommst, so denken sie, desto besser. Alles Speichellecker.

Und nun dieser Jesus. Was ich von ihm höre, entspricht vielmehr dem, was ich lese. Nicht wie bei manchen von den Schriftgelehrten. Nein, scheinbar lebt er die Wahrheit der Schriften: im Umgang mit Ausgestoßenen und Heillosen, mit Frauen und Kindern. Und jetzt scheint er in einer machtvollen Bewegung die Stadt Jerusalem zu erstürmen. Das Herz der Menge hat er schon erobert. Mein Herz vielleicht auch…?

Sein Reich könnte jetzt anbrechen. Das Volk ist begeistert, die Römer könnten endlich fallen.

Aber die ach so weisen Männer befürchten bei seinem Sieg nicht nur ihre eigene Entmachtung. Sie sehen wohl auch das Blutvergießen, wenn es zum offenen Kampf mit den Römern kommt.

Aber will Jesus wirklich diesen Volksaufstand? Da drüben sitzt er still auf seinem Eselchen. Er weist die Huldigung des Volkes als König zwar nicht zurück, aber er macht sich auch nicht eindeutig bemerkbar. Was habe ich gelesen beim Propheten Sacharja? Nicht auf einem hohen Ross wird der Gesalbte Gottes den Frieden bringen, sondern auf einem Esel. Das muss ein Zeichen sein.

Ob die Jünger davon etwas ahnen oder ob sie wie das Volk enthusiastisch nun auf den endgültigen Durchbruch ihres Meisters hoffen?

Irgendwie scheinen sie mit der Situation so ganz und gar nicht zurecht zu kommen.

Am liebsten würde ich rufen: Jesus, sieh her. Es muss sich etwas verändern: die Fremdherrschaft soll ein Ende finden, das Miteinander der Menschen heil und jeder Dienst für Gott wieder glaubwürdig werden.

Ach, er hört mich nicht. Wie wird es weiter gehen? Wird es bei Hosianna schreien bleiben? Oder wie so oft umschlagen? Eskalieren in Gewalt und Blutvergießen?

Ach Gott, ich habe Angst vor der Zukunft, ich weiß nicht was sie bringen wird. Ist dieser da tatsächlich dein Gesandter, dann würde ich mich ihm gerne anschließen. Aber ich weiß, gehe ich diesen Weg, werde ich aus dem Tempel vertrieben, dem Tempel, wo das Leben sicher und ruhig ist. Wo der Tisch gedeckt ist und ich ein Dach über dem Kopf habe.

Ich stehe an der Straße. Mit meiner Sehnsucht und mit meinen Zweifeln im Herzen. Die Leute um mich winken. Sie rufen. Ihre Begeisterung scheint kein Ende zu finden. Die Begeisterung für diesen Mann, der auf einem Eselchen die Straße entlang reitet, dessen Füße im Staub schleifen, der schweigsam und ernst in die Runde blickt.

Da, habt ihr es gesehen, da blickt dieser Jesus zu mir hinüber. Nickt er mir zu? Ich sehe seine Augen. Ich sehe Güte und Verständnis und – ja, Liebe. Ich sehe aber auch den Schmerz. So geht keiner in die Stadt, der auf die Weltrevolution setzt oder der einen irdischen Königsthron besteigen will.

Nein, schon eher wie einer, der den Schmerz der Welt in sich trägt. Einer, der genau weiß, wie sein Ende aussieht. Hoffentlich nicht, hoffentlich bleibt diesmal die Hoffnung.

Schon ist der Zug an mir vorüber. Vielleicht wird dieses Gottesreich ja ganz anders aussehen, als wir es uns vorstellen. Ich werde diesen Jesus in den nächsten Tagen im Blick behalten. Wohin er sich wendet, was er tut. Wohin das führen wird, was hier am Tor beginnt.

Und zutiefst ahne ich: Es wird nicht ohne Leid für ihn abgehen und nicht ohne Schmerz für mich. Aber wenn ich es richtig in seinen Augen gelesen habe, könnte dies die Weise sein, in der am Ende viele gerettet werden.

Wie heißt es doch bei Jesaja: der Friede Gottes bewahre euer und mein Herz. Amen