23.08.2015 - Predigt zu Markus 7, 31-37


Der Friede unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen. Amen

Predigttext: Mk 7, 31-37

Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege.

Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.

Und er gebot ihnen, sie sollten's niemandem sagen. Je mehr er's aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend

Predigt

Wir hören „Sie mag Musik nur wenn sie laut ist“ von Herbert Grönemeyer

Sie sitzt den ganzen Tag auf ihrer Fensterbank
lässt ihre Beine baumeln zur Musik.
Der Lärm aus ihrem Zimmer macht alle Nachbarn krank,
sie ist beseelt, lächelt vergnügt.
Sie weiß nicht, dass der Schnee lautlos auf die Erde fällt,
merkt nichts vom Klopfen an der Wand.

Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist,
das ist alles was sie hört,
sie mag Musik nur, wenn sie laut ist,
wenn sie ihr in den Magen fährt.
Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist,
wenn der Boden unter den Füßen bebt,
dann vergisst sie, dass sie taub ist.

Der Mann ihrer Träume muss ein Bassmann sein
das Kitzeln im Bauch macht sie verrückt,
ihr Mund scheint vor lauter Glück still zu schrei'n
ihr Blick ist der Welt entrückt
ihre Hände wissen nicht, mit wem sie reden sollen
es ist niemand da, der mit ihr spricht.

Dann vergisst sie, dass sie taub ist. Taub und Stumm, unfähig zu sprechen, eigene Wünsche und Bedürfnisse nicht äußern können. Aber auch taub sein, die zärtlichen Worte von Eltern und Freunden nicht hören, kein Hundegebell, kein Autolärm, kein Vogelgezwitscher.

Jesus ist auf dem Gebiet der zehn Städte. Dort wohnen Philister, Phönizier und anderes heidnisches Volk. Sie haben Götterfamilien und können nichts hören von dem einen Gott, an den die Juden glauben. Und dann hören sie doch: Sie hören von Jesus und bringen ihm einen, der taub und stumm ist. Das ist einer, der vielleicht nicht auf der Fensterbank, aber doch am Straßenrand sitzt, das ist einer, der vermutlich sein ganzes Leben lang keinen Schnee gesehen hat, der aber keinen Vogellaut, kein Knarren von Eselskarren, kein Plätschern von Wasser hört. Es ist einer, der draußen ist aus der Gemeinschaft, der nicht daran teilnehmen kann. Es ist einer, der ganz und gar am Rand steht.

Doch es gibt Menschen, die bringen ihn zu Jesus, jenem jüdischen Prediger, dem sie nicht zuhören würden, eben weil er Jude ist. Er ist die letzte, die einzige Hoffnung für diesen Menschen, der sich vermutlich ganz in sich hinein verkrochen hat. Wenn es damals schon Stereoanlagen gegeben hätte, vermutlich hätte auch er so laut gehört, bis die Vibrationen seinen Körper erreichen und er im Rhythmus mitschwingen kann. Die einzige Möglichkeit, das Außen wahrzunehmen und das eigene Innere zu zeigen.

Und Jesus nimmt ihn beiseite nehmen. Heraus aus dem Pulk der anderen, die er nur sieht, aber nicht hört. In eine ruhige Ecke, in der neues möglich wird.

 

Er berührt das gekränkte Organ, verstopft die Ohren mit seinen Fingern vor denen, die mit ebensolchen Fingern auf ihn zeigen. Er schützt einen Augenblick vor dem, was taub macht. Dann wendet er sich der Zunge zu, der es die Sprache verschlagen hat. Er belegt sie mit einem anderen, mit einem neuen Stoff.

Dann geht sein Blick zum Himmel – er knüpft einen neuen Kontakt zu dem, der Kraft gibt und öffnet mit der Bitte: Öffne dich wieder!

 

Und das Wunder geschieht. An jenem Tag zwischen den Heiden. Die Ohren sind nicht mehr eingeschränkt auf die Vibrationen, sie hören all die Details, die unser Leben so lebenswert machen. Die Stimme ist nicht mehr eingeschränkt auf stumme Schreie, sie löst sich und das Lob Gottes, der Trost dem Mitmenschen gegenüber, der Dank, all das kann Ton annehmen und herausströmen.

 

Liebe Gemeinde, wie oft sind wir taub und stumm? Wie oft verschlägt es uns die Sprache und verstopft uns die Ohren? Wie oft überhören wir den Hilferuf und sind nicht in der Lage, den Trost und den Dank zu sagen, der doch so wichtig ist?

 

Jesus macht uns die Ohren frei, er befreit uns von dem, was unsere Ohren kränkt, damit wir wieder richtig hören können, auch sein Wort. Er gibt den Schwachen Stimme, die gehört werden kann, er schenkt uns Schwachen Worte, die unsere Armut ausdrücken und die Armut der anderen, unseren Mitmenschen.

 

Sie, die Frau, von der Grönemeyer singt, hört nur mit dem Bauch gut. Sie grenzt sich aus, weil sie nicht weiß, dass sie taub ist. Wie oft bemerken wir unsere eigene Taubheit nicht, sondern halten uns geradezu eisern daran fest, damit wir das Leid des Mitmenschen nicht hören?

 

Sie, diese Frau, hat noch nicht mal jemanden, mit dem ihre Hände reden können, ganz zu schweigen von ihrem stummen Mund. Wäre es nicht unsere Aufgabe, mit den Menschen, die still schreien, Kontakt aufzunehmen, ihnen unsere Stimme zu leihen?

 

Erzählt nichts darüber, sagt Jesus. Er will nicht bewundert werden, er will dass die Menschen sein Wort hören und sein Wort weiter erzählen. Aber je mehr er den Jüngern sagt: „Verschweigt die Wunder!“, desto mehr erzählen sie es weiter. Vielleicht wäre es besser, selber ein Wunder zu sein für den Bettlägrigen, für die, die nicht mehr aufstehen kann, für jene, die auf der Flucht sind, als von den Wundern anderer zu erzählen.

 

Deshalb nehmt das Wort Jesu, seine Gebote, seine Lebensvorstellungen und tragt sie hinaus. Gebt ihnen eine Stimme unter den Tauben und öffnet eure Ohren für die Stummen, dann wird das Reich Gottes täglich näher kommen. Amen

Und der Friede Gottes, der größer ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen