19.07.2015 - Gottesdienst zum Dorffest Sterkelshausen


Weisheit und Torheit laden ein

Frau Weisheit hat sich ein Haus gebaut mit sieben prächtigen Säulen. Zum Fest hat sie Rinder schlachten lassen, den Wein mit feinen Gewürzen vermischt und ihren Tisch für das Mahl gedeckt. Nun schickt sie ihre Dienerinnen; sie gehen auf den Marktplatz der Stadt und rufen in ihrem Auftrag aus:

Frau Weisheit: »Wer unerfahren ist, soll zu mir kommen! Wer etwas lernen will, ist eingeladen! Kommt in mein Haus, esst und trinkt, was ich für euch zubereitet habe! Wer unwissend bleiben will, den lasst stehen! Kommt, betretet den Weg zur Einsicht! Der Lohn dafür ist ein erfülltes Leben.«

Pfarrer: Wer einen Eingebildeten belehren will, macht sich lächerlich. Und wer einen Unheilstifter zurechtweist, tut es zu seinem eigenen Schaden. Tadle keinen Eingebildeten, er wird dich hassen. Zeige dem Gebildeten seine Fehler und er wird dich dafür lieben. Belehre den Klugen, dann wird er noch klüger. Unterweise den, der das Rechte tut, und er lernt noch dazu. Den HERRN ernst nehmen ist der Anfang aller Weisheit. Gott, den Heiligen, kennen ist Einsicht. Durch die Weisheit wird dein Leben verlängert. Wenn du weise bist, hast du selber den Nutzen davon. Wenn du aber ein eingebildeter Spötter bist, musst du selber die Folgen tragen.

Frau Torheit ist eine schamlose Dirne, eine vorlaute, aufdringliche Schwätzerin. Vor ihrem Haus am Marktplatz der Stadt sitzt sie an der Tür auf hohem Stuhl. Sie sagt zu jedem, der vorübergeht und einen geraden Weg verfolgt:

Frau Torheit: »Wer unerfahren ist, komme zu mir! Wer etwas lernen will, ist eingeladen! Verbotenes Wasser ist süß! Heimlich gegessenes Brot schmeckt am allerbesten!«

Pfarrer: Doch wer ihrer Einladung Folge leistet, weiß nicht, dass drinnen an ihrem Tisch die Geister der Toten sitzen. Wer die Schwelle ihres Hauses überschreitet,
betritt damit schon die Totenwelt.

Lied 552

Liebe Gemeinde, sie haben unsere beiden Promigäste heute Morgen bereits gehört. Hier auf meiner rechten Seite Frau Weisheit, herzlich willkommen auf dem weltberühmten Dorffest in Sterkelshausen.

Frau Weisheit: Herzlichen Dank für den freundlichen Empfang. Es war mir gar nicht klar, dass so viele Menschen in Sterkelshausen mich hören wollen. Ja, da will ich hoffen, dass sich wirklich viele Gebildete und Menschen mit offenen Herzen hier finden, die ein warnendes, aber auch motivierendes Wort gut vertragen können.

Pfarrer: Schön, dass Sie sich so offensichtlich wohl bei uns fühlen. Aber wir wollen auch unseren Promigast zu meiner Linken nicht vergessen und auch zu Wort kommen lassen. Begrüßen Sie mit mir, liebe Gemeinde, Frau Torheit.

Frau Torheit: Warum ich als zweites dran bin, müssen Sie mir mal erklären. Denn erstens bin ich viel wichtiger als die Schnepfe auf der anderen Seite und zweitens folgen mir vielmehr Menschen.

Ja, ja, ich werde es Ihnen beweisen, hier und heute, dass viel mehr Menschen zu mir eingehen als zu Frau Weisheit. Glücklicherweise sind Namen ja Schall und Rauch. Deswegen müsste Frau Weisheit ja eigentlich heißen: Lernen und Arbeiten und keine freie Minute und ich müsste richtigerweise heißen Frau Intelligenzia oder Frau Muße oder Frau Leben-zum-erholen.

Pfarrer: Damit wären wohl die gegensätzlichen Positionen schon mal geklärt. Sehen Sie, liebe Gemeinde, ich habe diese beiden Damen heute bewusst eingeladen, damit sie uns mit ihren Argumente helfen können. Wozu brauchen wir Hilfe wollen Sie wissen? Das will ich Ihnen sogleich beantworten.

(Pfarrer Kroker trägt nun einen Feuerwehrhelm)

Sehen Sie, es gibt in unserer Kirchengemeinde eine ganze Reihe von Vereinen und Gruppierungen. Wir als Kirche sind zwar kein Verein in dem Sinne, aber der Einfachheit halber zähle ich uns jetzt mal als Gruppierung. In jedem Verein und jeder Gruppierung gibt es Menschen verschiedensten Alters.

Wir fangen mal ganz unten an: Die Kinder, die heute hier sind, dürfen mal eben einen Moment aufstehen und nach vorne kommen.

So, das sind ja schon eine ganze Menge. Wer von euch schon mal im Kindergottesdienst war, der hebe mal die Hand. Sie sehen, die jüngste Altersgruppe unserer Gemeinde ist schon ganz schön aktiv. Und wer von euch war schon mal in der Feuerwehr oder will dahin gehen? Bitte auch die Hand heben. Na wunderbar. Liebe Gemeinde wir merken uns jetzt mal dieses Abstimmungsergebnis. Ich danke euch Kindern, ihr könnt euch wieder hinsetzen.

Frau Torheit: Und was soll das nun, Sie Pfarrer mit diesem unmöglichen Hut? Das zeigt doch nur, dass die Kleinen schon in jüngsten Jahren nur arbeiten müssen und gar keine Freizeit mehr haben. bei mir bekämen sie die tollsten Handys, wunderbare Fernsehprogramme, jede Menge Süßigkeiten, einfach alles, was das Herz begehrt.

Aber was bieten denn Kirche und Feuerwehr: Bilder malen, Schläuche legen, Zuhören müssen, in der Natur unterwegs sein, anderen helfen müssen. Ach du meine Güte, das ist doch sowas von Out!

Pfarrer: Liebe Frau Weisheit, Sie stehen hier so ein bisschen daneben und lächeln. Wären Sie so nett und würden Sie bitte auch Ihr Statement abgeben?

Frau Weisheit: Also zunächst einmal bin ich zutiefst beeindruckt von den Kindern hier. Herzlichen Dank, dass ihr mir gezeigt habt, dass es hier ganz viel Hoffnung gibt.

Also ich habe ja grundsätzlich gar nichts gegen Handys oder Fernsehen oder Süßigkeiten. Ich schnucke ja auch mal ganz gerne und telefoniere. Aber wenn ich das nur machen würde, dann würde mir ganz viel fehlen. Und ich denke, euch Kindern aber auch den Erwachsenen auch. Stellen Sie sich mal vor, wir würden in unseren Dörfern keine Gottesdienste mehr feiern. Jeden Sonntag gäbe es mindestens 50 Menschen in unseren 4 Orten, denen etwas fehlen würde. Manchmal wie heute sind es sogar mehr.

Oder stellen Sie sich mal vor unsere Feuerwehr hätte keinen Nachwuchs mehr. Ich erinnere mich an den Einsatz als das Wasser die Dorfstraße runter kam. Oder als die Scheune in Oberellenbach brannte. Nur weil so Viele Fleißige, Engagierte da sind, ist schlimmeres verhindert worden, konnte schnell geholfen werden. Ja, und wer ein Häkchen werden will, muss sich früh krümmen, das ist ja so. Daher stelle ich allen, die heute hier sind, allen die in der Feuerwehr drin sind, egal ob jung oder alt, ob aktiv oder passiv genauso wie die Mitglieder in all den anderen Vereinen, ein Spitzenzeugnis aus. Nur Einser, so sehe ich das. Weiter so, kommt nur weiter auch in mein Haus und lernt fürs Leben, schafft Hilfe für andere und trefft euch, um miteinander über Gott und die Welt zu reden.

Und ganz allgemein: Lasst Eure Dörfer weiter so grünen und blühen, damit wir, Frau Torheit und ich, sehen wo das Leben gelebt wird.

Pfarrer: Liebe Frau Weisheit, auch Ihnen einen herzlichen Dank für Ihr Statement. Ich bitte die Damen jetzt hier drüben Platz zu nehmen, während wir uns ein paar Gedanken darüber machen, was denn nun das Richtige ist.

Ich sehe tagtäglich Menschen, die Hilfe brauchen, die gerne mal Besuch bekämen oder die ein Plätzchen suchen, um sich mit anderen zu treffen.

Ich sehe auch tagtäglich Gefahren in unserem Alltag, Unfälle, kleine oder auch größere Katastrophen.

Ich sehe rund um unsere Dörfer wunderbare, gepflegte Wanderwege, ich sehe Gesangs- und Sportgemeinschaften, die sich gemeinsam tragen. Alle Vereine, ob Unser Dorf, Heimatverein, Feuerwehr, Theaterverein, Boulevereinigung, Sportverein und auch Kirche, obwohl sie ja kein Verein ist, haben eines gemeinsam:

Um Hilfe zu leisten, um sich gegenseitig zu stützen, um gemeinsam Dinge zu unternehmen oder anderen die Möglichkeit erst zu geben, Dinge zu unternehmen, brauchen diese Vereine Nachwuchs. Wir üben uns in Nächstenliebe, so wie Jesus Christus es gewünscht hat. Dazu brauchen wir die Vereine und Gruppen. Wie also bitte schön kann das funktionieren, wenn wir unsere Kinder schon draußen lassen? Nein, Aufstehn, Aufeinander zu gehen ist in diesem Jahr die Devise in unseren Dörfern und so selbstverständlich auch heute.

Sehen Sie, der Wochenspruch für die kommende Woche lautet: So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge,  sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.   Eph 2,19

Gottes Hausgenossen, alle zusammen und damit auch Hausgenossen unserer Nachbarn, Freunde, Dorfbewohner, Gemeindemitglieder. Und Hausgenossen tragen gemeinsam, helfen gemeinsam, schaffen gemeinsam und feiern gemeinsam.

Ich frage Sie nicht, welcher Weg Ihnen nun richtig erscheint. Das kann jede und jeder nur für sich entscheiden. Aber mich haben die Argumente von Frau Weisheit doch deutlich überzeugt und so appelliere ich an Sie, liebe Gemeinde: Folgen Sie diesem Weg, den Jesus Christus vorgelebt und vorgeliebt hat. Arbeiten Sie mit oder unterstützen Sie welchen Verein auch immer. Selbst das Kleinste an Hilfe ist hilfreich. So können unsere Dörfer und unsere Gemeinde auch zukünftig mit von Nächstenliebe geprägtem Leben gefüllt werden. Amen

Und der Friede Gottes, der größer ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen