Sprüche 3, 5+6

 

Der Friede unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen. Amen

 

Liebe Gemeinde,

 

es gibt in der Bibel Texte, die sprechen uns an und andere wiederum erschrecken uns. Und dann gibt es noch solche, die beides zugleich tun, ansprechen und erschrecken. Da sind zum Beispiel zwei Verse aus dem Buch der Sprüche, die mich schon sehr lange begleiten und mit denen ich mich immer wieder beschäftige, weil sie je nach Betrachtung erschreckend und ansprechend zugleich sind. Es sind die Verse 5 und 6 im 3. Kapitel dieses Buches. Dort steht:

 

5 Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand, 6 sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen.

 

Zwei Kerngedanken finde ich in diesem kurzen Text. Die Aufforderung, Gott zu vertrauen und im Umkehrschluss die Feststellung, dass uns unser Verstand in die falsche Richtung zu führen droht.

 

Bleiben wir mal einen Moment bei dem zweiten Gedanken: verlass dich nicht auf deinen Verstand, und ich ergänze, sonst könntest du in die Irre gehen, dich selber in Bedrängnis bringen.

 

Die meisten von Ihnen kennen unseren Gemeindebrief und demzufolge auch die beiden Pfarrhunde, die gerne mal aus ihrem Leben plaudern und dabei manches unter die Lupe nehmen, was bei uns so passiert. Dabei klagen sie meist darüber, dass sie nicht mitdürfen zu Veranstaltungen, Treffen oder gar Gottesdiensten. Nun, als Herrchen finde ich, ist das eine weise Entscheidung und ich setze darauf, dass meine zwei Hunde dass so annehmen, sich auf mich verlassen.

 

Leider ist dem aber nicht so. Zumindest die Oberellenbacher wissen, wenn die beiden im Auto sitzen, müssen sie jeden und alles anbellen, was sich bewegt. Das tun sie lautstark, obwohl sie genau wissen, sie kommen da alleine nicht raus. Es hilft ihnen also nichts.

 

Das tun sie aber nicht nur im Auto sondern auch, wenn sie alleine in der Wohnung sind. In solchen Fällen ist ihr Lieblingsplatz mein kleines Badezimmer, denn das Fenster dort ist gekippt und so bekommen sie alles mit, was vor dem Pfarrhaus so passiert. Vor einigen Tagen war das wieder so. Beide waren zusammen in diesem kleinen Bad, das damit ziemlich voll war. Ungefähr so voll wie die Kirche heute Morgen. Und dann passierte es: Ein Windzug kam durch das gekippte Fenster und schlug die Badezimmertür zu. So waren sie gefangen. Und alles nur deshalb, weil ihre eigenen Gedanken oder von mir aus auch ihr Instinkt ihnen das Gefühl gegeben hat, in diesen vergleichsweise kleinen Raum zu gehen, um alles mitzubekommen und mit viel Gebell jeden zu vertreiben, der es wagen könnte auch nur in die Nähe des Pfarrhauses zu kommen. Natürlich ein völlig sinnloses Unterfangen.

 

Als ich nach Hause kam, habe ich die beiden sehr geknickt dreinschauenden Hunde aus ihrer misslichen Lage befreit und nun endlich konnten sie an ihre Näpfe, Wasser trinken, fressen und sich bequem auf ihren Hundekissen niederlassen. Erkennen Sie die Analogie? Wenn wir uns nur, dass sage ich ganz deutlich, nur auf unseren Verstand verlassen, dann ist er manchmal so klein, dass er uns in eine missliche Lage bringt.

 

Und warum das alles? Weil wir krampfhaft darauf bedacht sind, alles zu verteidigen, was uns ist, und sei es auch noch so unwichtig. Wir bellen und beißen, um zu erhalten, was wir für wichtig erachten. Manchmal sind das unsere Werte, unsere Moralvorstellungen, manchmal aber auch unsere Futterstelle, unser Plätzchen, unser Haus, unser Dorf und alles was sonst noch so dazu kommt.

 

Das ist aber nur die erschreckende Seite dieser beiden Verse. Anfangen tun sie mit einer Aufforderung zu vertrauen. Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen.

 

Also noch eine kleine Geschichte aus dem Leben zweier Pfarrhunde. Ben, dass ist der Schwarze etwas größere von den beiden, hat ein unwahrscheinlich dickes Fell. Im Winter wächst es zu unheimlichen Massen heran und wenn das Frühjahr kommt, dann verliert er es büschelweise, ohne dass es zumindest scheinbar weniger wird. Da hilft nur eine Radikalkur.

 

Er weiß sehr genau, wo ich die Schermaschine, Bürste und anderes Zubehör liegen habe. Wird diese Schublade geöffnet, ist völlig klar was nun kommt. Aber anstatt dass er sich vertrauensvoll hinlegt und mit verklärtem Blick all das juckende und wärmende Haar entfernen lässt, begibt er sich zunächst auf die Flucht. Nur mit viel Geduld gelingt es mir, ihn davon zu überzeugen, sich zu meinen Füßen zu legen und wenigstens einen Teil der Mähne zu entfernen. Meist zieht er sich zurück, wenn ich mal eben so halb fertig bin. Auf halbem Wege umgedreht hat aber noch niemandem geholfen. Also muss ich ein paar Tage sspäter nochmal ran, was dann in der Regel schon viel einfacher geht. Spätestens beim dritten Schnitt im Jahr hat er verstanden, dass dieses Verlassen auf die Vorsicht seines Herrchens wesentlich besser ist, als seinem instinktmäßigem Fluchtgedanken nach zu geben.

 

Nun, er ist eben doch ein vernünftiger Hund, der, unterstützt von seiner Freundin Sally, sich wenigstens manchmal von mir auf den richtigen Weg führen lässt.

 

Und nun frage ich Sie allen Ernstes: Sind wir so vernünftig wie Ben? Sehen wir ein, dass es manchmal gut ist, wenn wir uns im Vertrauen auf Gott das Fell scheren lassen? Oder etwas aufgeben, an dem wir eisern festgehalten haben? Oh, ich kann Ihnen da Dinge sagen an denen ich eisern festhalte, die ich mir nicht abscheren lassen will. Und ich glaube das gilt für uns alle. Wir alle haben unsere Werte, unsere Vorstellungen, unsere Traditionen, an die uns kein Schermesser darf. Da wird eisern festgehalten, weil nicht sein kann was nicht sein darf.

 

Aber wir leben in Zeiten, in denen sich um uns herum Dinge verändern. Ein Beispiel: Diese vier Dörfer haben sich erst zum 01.01.2012 zu einer Kirchengemeinde vereinigt. Und doch halten die Menschen aus guten und überlegenswerten Gründen an Traditionen in ihren Orten fest. Einerseits – und andererseits hat sich aber an manchen Stellen schon ein wunderbarer Blick über den eigenen dörflichen Tellerrand entwickelt. Es gibt sogar ein paar Ecken, da ist schon mal ein bisschen Fell abgeschoren worden, damit die Haut an die Luft kann.

 

Und überall, wo uns das gelingt, wo wir unsere Haut an die Luft lassen, wo wir uns darauf verlassen, dass Gottes Führung doch kräftiger und verlässlicher ist, als unsere verstandesgesteuerten Schutzmechanismen, da werden wir beweglich, da können wir raus aus unserer Haut, da können wir mit Freude jubeln, wenn etwas neues gelungen ist, wenn neue Menschen erreicht werden.

 

Ich weiß, diese Predigt ist etwas länger als Sie es von mir gewohnt sind, aber zwei Dinge will ich in diesem Zusammenhang noch loswerden: Vor ein paar Tagen bin ich in einem völlig anderen Zusammenhang mit der Frage konfrontiert worden, wo denn die Christen in diesem unserem christlichen Abendland ihr Christsein ausleben. Und ganz konkret die Frage: Wo beten sie denn? Ja, wer Angst hat, sich zu outen, wer sich auf seinen Verstand verlässt, der ihm sagt, was geht und was nicht geht, den wird niemand beim Beten erwischen. Leider.

 

Und das zweite war ein Gespräch im Redaktionsausschuss des Gemeindebriefs ganz am Anfang meiner Zeit hier. Eine Kirchenvorsteherin sagte an diesem Abend: Lassen Sie doch die Pfarrhunde etwas erzählen. Ich hielt diese Idee zunächst für absurd, widersprach sie doch allem, was ich zum Thema Gemeindebrief gelernt hatte. Und heute freuen sich ganz viele Menschen auf jeden neuen Gemeindebrief, eben weil Ben und Sally mit ihrem ganz eigenen Blick unsere Gemeinde betrachten und ihre Gedanken kundtun. Und ehrlich, manches, was wir mittlerweile in unserer Gemeinde tun, hat seinen Ursprung in diesem ganz anderen Blick, indem sich Menschen aus unseren Dörfern doch darauf verlassen, dass es auch anders geht, nicht gesteuert durch den Verstand und stundenlanges Überlegen, sondern durch das Zulassen von Dingen, die scheinbar unvernünftig oder entgegen der Traditionen sind.

 

Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand, sondern gedenke an ihn auf allen deinen Wegen so wird er dich recht führen.

 

Das heißt nicht, wir sollen unseren Verstand im Keller deponieren, aber es heißt offen zu sein, für neues ebenso wie für erhaltenswertes. Dann können wir unser Christsein mit Leben füllen. Das wünsche ich uns alllen von ganzem Herzen.

 

Und der Friede Gottes, der größer ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen