09.08.2015 - Predigt zu Lukas 19, 41-48


Der Friede unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen. Amen

Predigttext: Lk 19,41-48

Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.

Und er ging in den Tempel und fing an, die Händler auszutreiben, und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus sein«; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht. Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Angesehensten des Volkes trachteten danach, dass sie ihn umbrächten, und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn das ganze Volk hing ihm an und hörte ihn.

Guter Gott, sei unseren Seelen gnädig. Amen

Predigt

Bei meiner Recherche für den heutigen Predigttext bin ich auf ein Zitat eines palästinensisch-israelischen Pfarrers der babtistischen Gemeinde in Nazareth gestoßen. Sein Name ist Yohanna Katanacho: »Wir beide, Palästinenser und Israelis müssen uns wieder auf eine Sprache besinnen, die in Nächstenliebe und nicht in Hass wurzelt, in Mut und nicht in Verzweiflung, in der Anerkennung des anderen, nicht in seiner Dämonisierung, in Vergebung, nicht in Rache. Wir müssen einander die Grausamkeiten vergeben, die wir uns angetan haben. Wir müssen Gebete der Vergebung und der Liebe in unseren Kirchen und Synagogen und Moscheen verbreiten. Vielleicht werden wir dann wieder in der Lage sein, auf eine bessere Zukunft zuzugehen. Vielleicht können wir dann wieder davon träumen, dass sich Palästinenser und Israelis einmal gegenseitig stärken.« Das Zitat ist einem Schreiben des Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski entnommen, das er am 8. Juli 2014 an alle rheinischen Gemeinden gerichtet hat.

 

Heute wird der sogenannte Israelsonntag gefeiert. Es geht wie in jedem Jahr darum, auf kirchlicher, politischer und menschlicher Ebene unser Verhältnis zu Israel abzustecken, ein Vorhaben, das unter Umständen ganz schön schwierig sein kann, bei dem, was in diesem kleinen Land passiert. Aber müssen wir nach Israel blicken, mit dem Finger darauf zeigen und sagen: Schaut mal, was die alles falsch machen? Wir werden sehen.

Zu Beginn dieses Gottesdienstes haben Sie ein Foto bekommen. Ich möchte Sie bitten, es jetzt einmal hervorzuholen und es zu betrachten, während ich ein wenig weiter rede.


Zwei verwelkte Blumen – zwei Szenen in unserem Predigttext:

Die eine lässt trauernd ihren Kopf hängen. Erinnert diese Blume Sie an den trauernden, weinenden Jesus, der auf sein Jerusalem hinabschaut? Mir sind noch andere Bilder der Trauer durch den Kopf geschossen: Die Schwester des jungen Eritreers, der vor einigen Wochen im Breitenbacher See ertrunken ist, die vielen Trauernden auf den vielen Beerdigungen in diesem Jahr, die den Tod von Verwandten, Partnern, Freunden nicht verstehen konnten; aber auch die Verzweiflung von Bauern, denen die Trockenheit die Ernte stark beschädigt hat, oder das Bild einer Frau in Kalifornien, die im Fernsehen unter Tränen berichtet, was sie aus dem verbrannten Häuschen nicht mehr hat retten können, Die Bilder von den trauernden Nachbarn jenes Mannes, der sich mit seinen Kindern in den Tod gestürzt hat…

Welche Bilder fallen Ihnen ein?

Und dann die andere Blüte: Beinahe trotzig und wütend streckt sie ihre verbliebenen zwei Blütenblätter in die Luft. Ein wenig erinnert sie mich an eine Szene aus einem Bibelfilm, der Jesus bei der Tempelreinigung zeigt. Wütend streckte er seine Fäuste in die Luft, zornig warf er die Tische der Händler und Geldwechsler um und jagte sie aus dem Tempelhof.

Und sofort habe ich Bilder vor Augen: Demonstranten in China, die sich gegen die Luftverschmutzung wehren wollen und niedergeknüppelt werden. Demonstranten in Deutschland, die einen strikt gegen unsere Flüchtlingspolitik und die anderen dafür, die aufeinander losgehen wollen und dazwischen Polizisten, die versuchen, mit ihren Körpern die beiden Gruppen aufzuhalten.

Und ein anderes Bild: Ein palästinänsischer Jugendlicher und ein israelischer Jugendlicher, beide mit einem Stein in der Hand, stehen sich in Jerusalems Altstadt gegenüber.

Trauer und Wut liegen so dicht beieinander, nicht nur bei uns, auch bei Jesus. Und es ist nicht nur Jerusalem, über das er weint. Nein er weinte mit Sicherheit auch über die Uneinsichtigkeit der Menschen 2000 Jahre später.

Und es sind nicht nur die Tempelhändler, auf die er zornig ist. Nein, die Ausbeutung unseres Planeten, das Wegsperren von Menschen hinter Stacheldraht und Betonmauern, die doch nur Schutz, Freiheit und Lebensunterhalt suchen, all das machte ihn sicher ebenso zornig. Vielleicht auch manche Menschen, denen eine Stelle mehr auf dem Konto oder ihr Bild und Name in der Zeitung wichtiger sind als das Wohl ihrer Nachbarn.

Wut und Trauer, so dicht beieinander und so nah an uns dran.

Empfinden Sie auch manchmal Wut und Trauer, Trauer über vergebene Chancen und nicht genutzte Möglichkeiten und Wut auf Menschen, nahe und ferne oder vielleicht auf und über sie selbst? Wenn das so ist, dann dürfen Sie jetzt dieses Blatt zerknüllen und einfach auf den Boden werfen. Ja tun Sie es ruhig gerade in der Kirche.

Geht es Ihnen besser? Sind Wut und Trauer ein wenig weg?

Das ist gut, denn Jesus ist trotz Wut und Trauer geblieben, er hat beidem getrotzt und predigte weiter dem Volk. Da war nicht nur eine Menge, oder eine Gruppe, nein er predigte jeden Tag im Tempel dem Volk. Und deswegen konnten sie ihn nicht sofort umbringen.

Wenn wir Wut und Trauer überwinden, uns selbst und anderen sagen, wie wir es besser machen können und es auch tun, dann sind wir ein gutes Stück weiter.

Jesus ist trotz Wut und Trauer den Weg ans Kreuz zum Wohl derer gegangen, über die er geweint und über die er sich aufgeregt hat. Die Menschen, die er im Blick hatte, waren nicht die „Guten“, sondern die Zöllner, die Prostituierten, die Flüchtlinge, die Verrückten und Ausgestoßenen. Immer wieder hat er sich zu ihnen hinabgebückt, hat sie an der Hand genommen, aufgerichtet, ja tatsächlich aufgehoben. Er hat Wut und Trauer überwunden.

Sehen Sie noch ihr Blatt mit den beiden verwelkten Blumen darauf? Wenn Sie mögen, können Sie sich jetzt wie Jesus danach bücken. Und wenn Ihre Nachbarin, ihr Nachbar das nicht kann, dann bieten sie doch einfach Hilfe an. So kann dann aus Wut und Trauer Versöhnung und Frieden wachsen.

Wenn wir uns jeden Tag einmal für jemand anders bücken, einmal zupacken und helfen, einmal überlegen, was wir besser machen können und es dann auch tun, dann wird das Himmelreich, das Jesus begonnen hat, bei uns anfangen. Dann werden Wut und Trauer verfliegen. Wie hat dieser Pfarrer aus Nazareth gesagt:

Wir müssen uns wieder auf eine Sprache besinnen, die in Nächstenliebe und nicht in Hass wurzelt, in Mut und nicht in Verzweiflung, in der Anerkennung des anderen, nicht in seiner Dämonisierung, in Vergebung, nicht in Rache. Wir müssen einander die Grausamkeiten vergeben, die wir uns angetan haben. Wir müssen Gebete der Vergebung und der Liebe in unseren Kirchen und Synagogen und Moscheen verbreiten. Vielleicht werden wir dann wieder in der Lage sein, auf eine bessere Zukunft zuzugehen.

Und der Friede Gottes, der größer ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen