05.07.2015 - Predigt zu Lukas 5, 1-11


Der Friede unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen. Amen

Predigttext Lk 5, 1-11

Es begab sich aber, ja, so fangen Märchen an. Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte. Nun, die Zeiten, an denen sich Menschen drängen, um das Wort Gottes zu hören, sind wohl, mal abgesehen vom Kirchentag alle zwei Jahre, ziemlich vorbei.

Da stand er, Jesus, am See Genezareth.

Vermutlich ist es Ihnen aufgefallen. Keine Socken und nur Sandalen, so steht der Pfarrer heute in der Kirche. Selbstverständlich wird das kein Dauerzustand, aber bei diesem Bild des predigenden Jesus und den Fischern am See bzw. auf den Booten, konnte ich einfach nicht widerstehen. Sie alle liefen weder in schwarzer langer Hose noch weißem Hemd oder Talar bei 30 Grad im Schatten rum. Anderes war wichtiger als die Kleidung. Meine Mentorin sagte mir mehrmals: Wichtig sind nicht die Textilien, sondern die Texte. Genau zu diesem Text kehren wir zurück:

Jesus sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. Vielleicht doch ein Märchen? So viele Menschen, die auf die Texte eines mit Sandalen und einfacher Kutte gekleideten Mannes hören wollten, der sich dazu noch zum besseren Verständnis auf den See hinaus rudern ließ? Was hat sie angezogen? Von was ließen sie sich ansprechen, ja vielleicht sogar gefangen nehmen? Und nicht nur die am Ufer waren völlig in den Bann gezogen, die anderen Sandalenträger auch.

Und als Jesus aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.

Ich höre die Müdigkeit in diesen Worten. Eine Nacht schwer geschuftet, immer wieder die Netze ausgeworfen und nichts gefangen. Frust, Enttäuschung, vielleicht auch das Gefühl, was soll ich der Frau und den Kindern sagen, wenn ich ohne Essen und ohne Erlös nach Hause komme. Also, dieser Mensch, der in unseren Augen vom Aussehen her wohl eher an einen Hippie als an einen ernsthaften Prediger erinnert, muss etwas an sich gehabt haben. Etwas, dass die Menschen seinen Worten folgen ließ. Was gäbe ich drum, wenn es in unseren Kirchen auch heute noch solche gäbe, denen die Menschen folgten. Ich erinnere an Franz von Assisi, Martin Luther, Martin Luther King, um nur einige wenige zu nennen. Vielleicht fällt auch Papst Franziskus oder unsere ehemalige EKD-Vorsitzende Margot Käßmann darunter.

Nun, mir ist schon klar, dass es nichts hilft, die Lackschuhe auszuziehen und in die Sandalen zu schlüpfen, um Menschen zu begeistern. Ich vermute eher, da ist ein handfestes Wunder nötig.

Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, so dass sie fast sanken. Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Stellen Sie sich mal vor, ich wäre nicht in Sandalen heute in den Gottesdienst gekommen, sondern in diesen gelben Gummistiefeln. Das sind solche, wie sie die Fischer heutzutage tragen. Was hätten Sie gedacht?

Ich weiß es nicht, ich will auch nicht spekulieren, aber eines wäre wohl unwahrscheinlich: Dass Sie meinen Worten so aufmerksam zuhören wie Sie das jetzt tun. Die Gummistiefel wären reine Ablenkung von dem, was wirklich wichtig ist. Simon Petrus, Jakobus und Johannes ließen sich wohl nicht von den Worten Jesu, aber von seinen Taten einfangen. Offenbar war es ihnen völlig egal, welche Kleidung er trug. Es war auch eher unerheblich, welche Worte er sprach, da sie viel zu sehr mit ihrem Frust und ihrer Enttäuschung beschäftigt waren.

Aber als sie dann zu einer unmöglichen Uhrzeit nach getaner Arbeit auf einmal das Wunder des Fischfangs erlebten, da ließen sie sich selber einfangen. Ja, Simon sagte: Geh weg von mir Herr, ich bin ein sündiger Mensch. Seine Schuld, die er in all den Jahren auf sich geladen hatte, sowie jeder von uns, ob Pfarrer oder nicht, ob Gläubiger oder nicht, ob Jung oder Alt, seine Schuld lässt ihn beinahe verzweifeln.

Und doch lässt er sich gefangen nehmen in das Wort und den Dienst an Gott. Sie verließen alles und folgten ihm nach. Wer würde sich das heute trauen? Wir würden ihn oder sie als verantwortungslos, als geisteskrank, als von allen guten Geistern verlassen bezeichnen. Galt das auch für jenen Pfarrer, der für einen Familienvater ins KZ ging? Galt das auch für jenen Geschäftsmann, der hunderte von jüdischen Mitmenschen rettete und dabei Besitz, Leib und Leben riskierte? Gilt das auch für jene freiwilligen Helfer, die in die Ebolagebiete flogen, um dort Todkranke zu begleiten und betreuen? Was lässt Menschen zu Menschenfischern werden? Könnten wir das nicht auch sein?

Schauen Sie, viele machen sich Gedanken über unsere Gemeinde und die Menschen, die in ihr leben. Wir wollen zusammenwachsen, wir wollen uns begeistern lassen, wir wollen uns ansprechen lassen von dem, was bei uns so passiert.

Aber viel mehr Menschen lassen sich eben nicht erreichen. Sie haben Probleme mit den Sandalen- und Gummistiefelträgern, mit den Menschenfischern. Ganz oft höre ich bei meinen Besuchen, er oder sie sei kein Kirchgänger, er oder sie könne mit dem, was den Glauben oder die Kirche ausmacht, nichts anfangen. trotzdem, und das ist ein großer Hoffnungsschimmer, treten diese Menschen nicht aus, sondern bleiben zumindest formal ihrer Kirche verbunden.

Sollten wir, die wir aktiv in unserer Gemeinde sind oder Anteil nehmen an dem, was hier passiert, nicht mal bildlich gesprochen in unsere Gummistiefel oder Sandalen schlüpfen und uns selber ganz in Vertrauen auf Jesus als Menschenfischer versuchen?

Ich bin mir bewusst, dass uns dieses nicht leicht fällt. Aber bei all dem, was bei uns so angeboten wird, findet sich vielleicht doch das ein oder andere, wo wir Menschen zu einladen können. Wir wollen ja niemanden davon überzeugen, Leib und Leben zu riskieren, sondern wir wollen Menschen dazu einladen, Jesus zu folgen. Und sei es nur an einzelnen Punkten. Ich bitte Sie, lassen Sie sich motivieren, selber als Menschenfischer loszuziehen und andere einzuladen und mitzubringen. Damit das, was an jenem See Genezareth angefangen hat, auch heute noch weiter geht. Amen

Und der Friede Gottes, der größer ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen